14.02.2032
LEIDTRAGENDE LEITMEDIALE
 
LISTEN LITTLE (ART-)MAN
 
Das war es dann: Unter größerem Getöse versammelten sich in Berlin Autoren unter dem „Norau-Aufruf“ und fassten Beschlüsse. Da ich nicht dabei war, will ich die Veranstaltung nicht beurteilen. Der Ton des Aufrufs, die beleidigenden, teilweise die Fakten verdrehenden, pauschal-akkusativen Vorwürfe um die MV des VDD haben mir aber schon fast gelangt.  Nur ein paar Anmerkungen zur Debatte - und zur dringend  notwendigen Ernüchterung - für Autoren, Regisseure und andere Kreative von einem, der schon etwas länger „dabei“ ist.
 
Euer Gejammere nervt. Tut mir leid, ihr verletzten Märzhasen. Es nervt nicht, weil es unbegründet wäre, nein, es nervt weil es immer erst dann losbricht, wenn das Kind schon im Brunnen liegt. Wie viele Kollegen der schreibenden und regie-führenden Zunft kenne ich, die mit vor leisem Ekel gekräuselten Lippen vor einem standen, wenn man sie überreden wollte einem der Berufsverbände oder – der Hergottseibeiuns verhüte es! – sogar beiden beizutreten. Die Genervtheit in den rollenden Augen. Das süffisante Lächeln. „Kaninchenzüchterverein“ die harmloseste Tag-line.
 
Um es so direkt wie möglich zu sagen: Ihr, liebe, Einzelgenies, ihr massenhaft solitären Bedeutungsträger, ihr exquisiten, sich als solche selbst-mandatisiert habende Groß- und Besonderskünstler, Ihr habt euch de-solidarisiert. Nein, ihr habt euch nicht mit ephemeren Bedarfsschreibern und Hilfsregisseuren de-solidarisiert. Ihr habt euch nicht mit den Kollegen oder mit Meinereiner de-solidarisiert. Ihr habt euch, im Ergebnis, mit euch selbst de-solidarisiert! Also hört auf zu Wimmern. Wischt euch eure lächerliche Empörung aus dem Gesicht. Get a life, will ya?!
 
Euch, gerade den erfolgreichen, waren die paar hundert Kröten zu viel, die man noch dazu von der Steuer absetzen kann. Ihr habt euch von euren Agenturen und Anwälten einlullen lassen, sie könnten für euch kollektivvertragliche Regeln verhandeln oder außer Kraft setzen. Können sie aber – bei aller Notwendigkeit der genannten Personen in allen andren Funktionen – am Ende eben gerade nicht wirklich. Quod erat demonstrantum.
 
Schön, dass euch das endlich auch mal interessiert. Hat der Wecker geklingelt? Gut. Ihr hättet in den letzten zehn Jahren mal ein Papier zum Thema lesen können. Wärt ihr ein Mal aufgetreten, hättet ihr euch verhalten oder wärt nur irgendwie anders als durch nachträgliches Geplärre und wildes Kindergartenindianergeheul („Germans have words so long they have a perspective“ M. Twain...;-) ) aktiv geworden, wir alle wären vielleicht nicht da, wo wir sind.
 
Also, um es mal – Offenbacher, der ich nun mal kulturhistorisch bin – so deutlich wie nur möglich zu sagen: Steckt Euch euren akkusativ erregten Zeigefinger dorthin wo’s Dunkel ist. Ist das soweit angekommen? Danke.
 
VORSCHLAG ZUR GEWISSHEITSVERGEWISSERUNG
 
Wir sind nicht mehr das Leitmedium. Schreibt euch das an den Spiegel. Jemand hatte die frappante Unverschämtheit, das Internet zu erfinden. Das heißt nicht, wir „Geschichtenerzähler im Bewegtbild“ sind nicht mehr notwendig – vielleicht sind wir sogar, projektiv, mehr gefragt als zuvor – aber wir sind nicht mehr Nummero Uno, Topdog, unhinterfragte HerrIn des Diskurses. Der Rudelführer heißt Zuckerberg. Oder, schlimmer, Kim Dotcom.
 
Es gibt zu viele von uns. Wir befinden uns nicht mehr in einem Nachfragemarkt. In Berlin erscheint uns zum Filmfestival nicht mehr nur der Typus des taxifahrenden Ex-Sozialarbeit-Studenten auf dem Drosckensteuersitz. Nein, so mancher Ex-Film-Akademist dirigiert eher ein Fahrzeug durch den Verkehrsstrom als dass er Michael Haneke in Cannes Konkurrenz macht.
 
Wenn demnächst auch in Olpe oder Wolfenbüttel eine Filmakademie aufmacht, werdet ihr verstanden haben: Das Eröffnen von Filmakademien und Filmklassen ist der Versuch, arbeitslose Filmmenschen von der Strasse zu holen, damit sie dort, bezahlt und halbwegs krankenversichert, noch mehr Leute für die Arbeitslosigkeit ausbilden.
 
Wir haben also keinen Nachfrage- sondern einen Angebotsmarkt. Die „Zuvielen“ sind nicht immer so viel schlechter als wir. Sie stehen, die Tastatur gezückt, bereit, unsere Jobs zu übernehmen. Nicht weil sie schleimige, schreibende Smeagols sind, die uns unseren schönen Ring wegnehmen möchten. Sondern weil sie von was leben müssen. Weil Taxifahren nicht unbedingt ein so verlockender Lebensinhalt ist und die Miete auch bei ihnen monatlich fällig wird.
 
„The storm! The storm is coming!“ (Beasts of the Southern Wild, 2012). Unsere Branche wird sich radikal wandeln und wer jetzt behauptet, dass er wüsste wohin, der soll das bitte auch beweisen indem er in zehn Jahren reicher ist als es Eichinger jemals war. Danke. Alle anderen sollten inzwischen dringend schauen, wo der Regenschirm steht und ob die Fensterläden dicht und fest vernagelt sind.
 
Heißt das, wir sollen kleinmütig werden? Nein, ganz im Gegenteil. Es heißt aber, dass wir uns kümmern müssen. Um unsere Belange. Und unsere Belange sind immer auch die Belange von Kollegen. Wer diese uralte Gleichung vergessen hat, der sei jetzt daran erinnert.
 
Wer glaubt, die Urheberrechtsdebatte sei vorüber, liegt falsch. Das Gedankengut der Piraten, die in Vielem nur als Transmissionsriemen für die Interessen der IT-Industrie gedient haben (selbst da, wo sie manchmal sogar recht haben/hatten) hat sich verselbständigt und ist in die anderen Parteien eingesickert und produziert dort nach wie vor Sumpfgasblähungen.
 
Wir, die Kreativen, müssen irgendwo zwischen den Shitstormstaffeln und der Meute von Abmahnanwälten, unsere Positionen finden und definieren. Dazu brauchen wir die Verbände und unsere VG’s dringender als je zuvor. Also: Arsch hoch. Es geht um was. Endlich. Immerhin.
 
LASST EUCH KEINEN GOLDENEN BÄREN AUFBINDEN
 
Stellt euch also bitte unter die kalte Dusche, Empöratoren. Denkt nach. Macht mit. Warum sind unsere amerikanischen Kollegen in Guilds organisiert? Weil sie aktiv und mit harten Bandagen aber auch mit eingeschaltetem Gehirn gegen die Existenzauslöschung durch knüppelharte Gegner gekämpft und nicht darauf gewartet haben, dass ihnen „Mutti“ den Spinatbrei warm macht. Oder ein Richter Gnädig in ihrem Sinne Recht spricht.
 
Oder, wie es der verstorbene Freund und Drehbuchkollege Jürgen Egger sagte: „Wer jammert verdient die Schläge die er dann bekommt.“
 
Die gescholtenen Verbände können nur so stark sein, wie ihr sie macht. Fangt endlich damit an!
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